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Viele etablierte Finanzdienstleister ignorieren die Markttransformation

Viele etablierte Finanzdienstleister ignorieren die Markttransformation

Die Entwicklung neuer Technologien wird in den nächsten zehn Jahren alle Branchen erfassen. Auch der Finanzdienstleistungssektor wird aufgrund brancheninterner und -externer Veränderungen transformiert werden. Die Studie «Financial Services 2030» vom Think Tank ‘2b AHEAD’ liefert eine Zusammenfassung.

Banken werden von der Entwicklung neuer Technologien dahingehend beeinflusst werden, dass die Kunden die Erwartung haben, nicht mehr mit einer Bank oder einem anderen Finanzdienstleistungsunternehmen interagieren zu müssen. Sowohl Einzelpersonen als auch Organisationen werden aufhören, sich mit den Detailinformationen von Finanzprodukten zu befassen oder Zeit damit zu verbringen, sich im Dschungel der Kundenbetreuung zu verausgaben. Dies wird die Sichtbarkeit der Marke dramatisch verringern. Banken werden sich hauptsächlich mit digitalen Gatekeepern beschäftigen müssen, da Einzelpersonen mit Hilfe von persönlichen KI- (künstliche Intelligenz) Assistenten organisatorische Aufgaben fast vollständig aus der Hand geben können.

Automatisierung wird Art und Handlungsrahmen der Finanzdienstleistungen verändern

Darüber hinaus wird die Automatisierung die Art und den Handlungsrahmen der Finanzdienstleistungen verändern. Sie wird sich auf die gesamte Wirtschaft auswirken und zu einer dienstleistungsorientierten Wertgenerierung führen. Finanztransaktionen werden sich auf einer anderen Ebene manifestieren, nicht in Form von isolierten Käufen, sondern als vernetzte Zahlungsmuster für individuelle Lösungen.

Ein Beispiel dieser Verschiebung werden autonome Fahrzeuge sein. Die Fahrzeuge werden sich hervorragend dazu eignen, das individuelle Mobilitätsproblem einer möglichst schnellen, direkten und kostengünstigen Beförderung von A nach B zu jedem Zeitpunkt zu lösen, ohne den zusätzlichen Hindernisfaktor des Kaufs und der Wartung eines Fahrzeugs. Dies wird eine massive Verlagerung von Eigentum auf Nutzungszweck auslösen, die alle angrenzenden Finanzdienstleistungen betrifft.

Wenn sich zentralisierte Fahrzeugflotten als die dominierende Form der Mobilität etabliert haben, werden Verbraucherkredite für den Kauf oder das Leasing eines Autos nicht mehr notwendig sein, inklusive nachfolgender Kreditverträge, Haftpflichtversicherungen, Kfz-Versicherungen und angrenzender Versicherungen. Die Verbraucher werden ein Fahrzeug nur noch für eine bestimmte Zeit oder eine bestimmte Kilometerzahl mieten.

Finanzdienstleistungen werden auch weiterhin gebraucht – aber anders

Der Bedarf an Finanzdienstleistungen wird jedoch nicht verschwinden. Vielmehr werden neue Dienstleistungen hinzukommen. Diese besitzen eine Vermittlerrolle zwischen den Fahrzeugen und Dienstleistern wie Telekommunikation, Softwareverkäufern, Bildschirmherstellern, Telekommunikationsunternehmen und natürlich Versicherungsunternehmen, die einen Fuhrpark und die Ausstattung des Fahrzeuginnenraums versichern werden. Die Interaktion der Verbraucher mit den Finanzdienstleistungen wird in zweifacher Hinsicht stattfinden: Zahlung einer Mobilitätspauschale und Zahlung zusätzlicher Dienstleistungen oder Funktionen im Innenbereich.

Aufstrebende Banken und Tech-Giganten werden den Markt zu ihrem Vorteil neugestalten

Dies veranschaulicht, dass die Finanzdienstleister in einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft immer noch eine prominente Rolle spielen werden, auch wenn sich der Kontext und die spezifischen Merkmale deutlich verändern.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Branche vor einer kollektiven und oft unterschätzten Herausforderung steht, die zu einer grundlegenden Verschiebung der Wettbewerbs-Topografie führen wird. Wettbewerber wie etwa aufstrebende Banken und ehrgeizige Tech-Giganten sind bereit, sich auf die Gelegenheit zu stürzen, den Markt zu ihrem Vorteil neu zu gestalten, ihn umzudefinieren und zu dominieren, indem sie Finanzdienstleistungen anbieten, die den speziellen Bedürfnissen einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft gerecht werden.

Darüber hinaus werden die direkten Auswirkungen aufstrebender Technologien wie maschinelles Lernen, Distributed Ledger Technology und sogar Quanten-Computing, vor allem aber deren potenzielle Synergien bei Finanzanwendungen, die Struktur des Finanzsystems in den nächsten zehn Jahren grundlegend verändern.

Markt ist langfristigen Entwicklungen unterworfen

KI-Assistenten, IoT, Markenentwicklung, digitale Währungen, Plattformen, Datensicherheit, Privacy by Design und neue Regulierungen sowie neue Wettbewerber werden langfristige, miteinander verbundene Auswirkungen mit sich bringen, die eine detaillierte Analyse wert sind. Aus diesem Grund zielt diese Studie darauf ab, ein klares Bild der Finanzdienstleistungen im Jahr 2030 zu zeichnen, um so eine Diskussion zu ermöglichen und praktische Strategien aufzuzeigen, wie Finanzdienstleister in Zukunft erfolgreich sein können.

Viele etablierte Finanzdienstleister ignorieren die Entwicklungen

Viele etablierte Finanzdienstleister sind trotz dieser Langzeitperspektiven gemäss dem Think Tank 2b AHEAD derzeit nicht informiert oder gewillt, neue Technologien und Entwicklungen zu nutzen – oder beides. Sie passen sich nur langsam an die sich ändernden Kundenanforderungen an und verstehen die zugrunde liegenden Triebkräfte oder Trends oft nur am Rande, während andere weiterhin mit der Anpassung warten, bis die herausfordernden Banken wettbewerbsfähig werden.

Darüber hinaus werden digitale Währungen und die Distributed-Ledger-Technology (DLT) als eine bedeutende Entwicklung mit einer immensen Störkraft systematisch unterdrückt. Alarmierend ist laut den Autoren, dass nur wenige Banken trotz des Bitcoin-Hypes und der Bemühungen, diese Technologie in anderen Branchen in den letzten Jahren zu entwickeln, begonnen haben, ihr Potenzial in der Praxis auszuloten – in der fälschlichen Erwartung, dass dieser ‚Trend‘ einfach vorbeigehen werde. Diese Untätigkeit traditioneller Institutionen hat es grossen Technologieunternehmen ermöglicht, mit entsprechenden Zahlungssystemen, Kreditkarten und anderen Finanzdienstleistungen weiter in den Markt vorzudringen, während die Banken die voraussichtliche Rolle der Technologieunternehmen als die anpassungsfähigsten und fähigsten Konkurrenten der Zukunft noch nicht erkannt haben.

Finanzdienstleister müssen sich proaktiv auf den sich wandelnden Markt einstellen

Alles in allem steht die Finanzdienstleistungsindustrie bis 2030 vor vielen verschiedenen, aber erheblichen Herausforderungen. Um in diesen turbulenten Zeiten relevant zu bleiben, müssen Banken und Versicherungen ein tiefes Verständnis der dynamischen Trends im Vorfeld erkennen und fördern. Das Verständnis dieser Trends ist jedoch nur die eine Hälfte der Gleichung. Die Finanzdienstleister müssen sich proaktiv und überlegt auf den sich wandelnden Kontext einstellen. Dies könnte aufgrund des immer schnelleren Wandels, der in den letzten zehn Jahren aufgelaufenen technologischen Verschuldung und der schwerfälligen Altsysteme eine schwierige Aufgabe darstellen. Um nicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden, wie es viele ehemals marktbeherrschende Unternehmen erlebt haben, ist Untätigkeit keine Option.

Neue Technologien bieten traditionellen Anbietern auch Chancen

Besorgnis oder gar Angst sollte jedoch nicht die treibende Kraft bei der Diskussion über die Zukunft der Finanzdienstleistungen sein, betonen die Autoren. Vor allem die Chancen, die die neuen Technologien bieten, könnten sich für traditionelle Anbieter als entscheidend erweisen, um in neuen Bereichen eine Führungsposition einzunehmen. Die Nutzung dieser Chancen wird nicht nur dazu beitragen, die Institutionen in die Zukunft zu führen, sondern sie auch in die Lage versetzen, aktiv am Wandel teilzunehmen und die Entwicklung der Branche langfristig aktiv mitzugestalten.

Studie skizziert fünf Haupttrendgebiete und Entwicklungen
  1. Bis 2030 werden personalisierte KI-Assistenten integraler Bestandteil des täglichen Lebens werden. Wobei diese nicht mit heutigen Assistenz-Systemen vergleichbar sind, sondern einen hohen Grad an Autonomie aufweisen und auf Anweisung oder automatisiert Aufgaben für Kunden ausführen können. Chatbots können Gespräche mit hoher Kompetenz führen, was Banken die Möglichkeit eröffnen würde, ihre Kunden auf einer tieferen, persönlicheren Ebene kennenzulernen – wenn sie bereit wären, ihre Service-Strategien mutig und entschlossen umzustellen. Finanz-Bots könnten die Ausgabenverwaltung übernehmen, Portfolios optimieren und Kredite vermitteln. Basis ist die Umstellung auf natürlichsprachige Schnittstellen, die von Kunden präferiert werden.
  2. Integrierte Zahlungssysteme, autonome Kassen und intelligente Geräte werden Zahlungsvorgänge künftig unabhängiger machen von Bankkonten und -karten – diese werden für den Verbraucher zunehmend unsichtbar. Auf diese Weise werden Bankmarken durch Eigenmarken ersetzt, was für Finanzinstitute langfristig eine existenzgefährdende Entwicklung bedeutet.
  3. Nicht zu unterschätzen sind laut 2b Ahead digitale Währungen, die wahlweise von Zentralbanken, privaten Unternehmen und dezentralisierten Gemeinschaften stammen. In diesen Bereich fallen auch Tokens, die auf der Distributed Ledger Technology (DLT) beruhen. Stabilität und Akzeptanz werden zunehmen und die Verbreitung fördern. Wie das Beispiel Libra von Facebook zeigt, haben Unternehmen aus dem Nicht-Finanzbereich bereits konkrete Pläne, Kernaufgaben, die bislang Banken und Finanzdienstleistern vorbehalten waren, einfach zu übernehmen. Hier bedarf es dringend der Entwicklung von Gegenstrategien.
  4. Sieben der zehn börsenstärksten Unternehmen der Welt setzen auf ein Plattform-Modell: Apple, Microsoft, Alphabet (Google), Amazon, Facebook, Alibaba und Tencent. Der Trend zur Plattformisierung wird sich beschleunigen, was auf der anderen Seite bedeutet, dass Bankfilialen weiter abgebaut werden. Finanzinstitute haben bereits damit begonnen, Plattformen zu errichten, indem sie mit FinTechs kooperieren. Diese Entwicklung muss allerdings noch radikaler gedacht werden: Über den Finanzbereich hinaus auch in Kombination mit anderen Dienstleistungen.
  5. Daten werden immer wertvoller. Bis 2030 wird der Schwerpunkt jedoch nicht auf dem übermäßigen Horten von Zufallsdaten liegen, sondern auf der Fähigkeit, die Nutzbarkeit der Daten insgesamt zu erhöhen und damit praktische und messbare Vorteile für ein bestimmtes Geschäftsmodell zu erzielen. Parallel dazu wird es eine Zunahme der globalen Regulierung der Datenkontrolle, des Eigentums und des Datenzugriffs geben.

Eines der grössten Datenprojekte der kommenden Jahre ist das Data Transfer Project, das Einzelpersonen in die Lage versetzt, Unternehmen eine genauere Darstellung ihrer Person zu liefern, aber auch den Zugriff genauer zu kontrollieren. Wem sie was erlauben oder verweigern, hat wiederum Auswirkungen auf die Finanzdienstleister. Denn nur wer mit echten Mehrwerten Punkten kann, darf darauf hoffen, mehr Informationen zu erhalten als die Wettbewerber.

Studie gibt Finanzdienstleistern praktische strategische Empfehlungen ab

Die Studie erörtert die wichtigsten Triebkräfte dieses Wandels im Detail und liefert schliesslich narrative Szenarien für das Jahr 2030. Sie schliesst mit praktischen strategischen Empfehlungen für die Finanzdienstleister, damit diese sich jedem dieser Zukunftsszenarien anpassen und sich erfolgreich entwickeln können:

Know-how aufbauen im Bereich der digitalen Währungen und DLT (Distributed Ledger Technologie), um für eine breitere Einführung gewappnet zu sein. Große Institute könnten sogar eigene Währungen und Tokens herausgeben.

Kooperationen mit Händlern und Dienstleistern bei digitalen Wallets oder generell Partnerschaften mit Nicht-Finanzunternehmen tragen dazu bei, eine starke Kundenbasis auch dann zu erhalten, wenn Banken und ihre Marken strukturell unsichtbar werden.

Angesichts der raschen Verbreitung von KI-Anwendungen müssen Finanzdienstleister einen gemeinsamen Referenzrahmen oder eine Standardisierung zwischen Geschäftsanwendern, Technologieteams und Drittunternehmen bereitstellen. Dazu bedarf es enger Partnerschaften mit den Technologie-Konzernen, die führend in der KI-Entwicklung sind. Die Einrichtung von Ethik-Teams, die Vorstrukturierung von Daten sowie die Schaffung von intuitiven Mensch-Maschine-Schnittstellen, beispielsweise zur Verarbeitung natürlicher Sprache, sind weitere Aspekte rund um die Nutzung künstlicher Intelligenz.

Dringend sollten interne und externe Cybersecurity-Infrastrukturen modernisiert werden. Dabei gilt es, IoT-Anwendungen nicht zu übersehen, die ein beliebtes Einfallstor für Angriffe sind sowie quantensichere Verschlüsselung einzuführen, um die Gefahr von rückwirkenden Datenlecks aufgrund von veralteten Kryptografie-Methoden zu vermeiden.

Neue Sichtbarkeit und erfolgreiche Markenbildung beruhen laut 2b Ahead auf der Ausrichtung von Geschäftswerten und -praktiken auf eine ausgewählte Kundengruppe. Dies sichere nicht nur die Kundenbindung, sondern auch die Fähigkeit, neue Talente als Mitarbeiter zu gewinnen.

Über die Studie des Think Tank 2b AHEAD

Der Think Tank 2b AHEAD hat diese Studie mit Hinblick auf die signifikanten Entwicklungen, die das Potenzial haben, die gesamten Finanzdienstleistungsbranche in den kommenden zehn Jahren grundlegend zu restrukturieren, durchgeführt.

Hier geht es zur Studie «Financial Services 2030» vom Think Tank ‘2b AHEAD’

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