HomeWIRTSCHAFTPOLITIKDer Schweiz drohen sehr grosse, permanente Wohlstandsverluste

Der Schweiz drohen sehr grosse, permanente Wohlstandsverluste

Der Schweiz drohen sehr grosse, permanente Wohlstandsverluste

Der Shutdown der Wirtschaft dürfte die Wirtschaftsleistung 2020 je nach Szenario um 7% bis 10% schrumpfen lassen. Im schlimmsten Fall drohen Firmenbankrotte, Kreditausfälle und Massenentlassungen. Das sagen die Experten des Bundes.

Das neue Coronavirus und die gesundheitspolitischen Massnahmen, die Mitte März 2020 zum Schutz der Bevölkerung eingeführt worden sind, bringen die Schweizer Wirtschaft wie die Gesellschaft insgesamt in eine Ausnahmesituation. Die neuesten Daten und Analysen weisen laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco, darauf hin, dass die im Inland und im Ausland getroffenen gesundheitspolitischen Massnahmen deutlich stärkere Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben dürften als in der Konjunkturprognose von März angenommen.

Das Seco trägt der grossen Unsicherheit und den jüngsten Ergebnissen Rechnung und ergänzt die März-Prognose mit zwei Negativszenarien. Diese sollen die möglichen kurzfristigen Auswirkungen auf die Konjunktur sowie die zu erwartenden langfristigen Auswirkungen illustrieren.

Wirtschaftsaktivität könnte wegen dem Shutdown stark einbrechen

Die internationale und die Schweizer Wirtschaft könnten im ersten Halbjahr 2020 stark einbrechen. Zum einen könnten die gesundheitspolitischen Massnahmen im Inland, der so genannte «Shutdown», welche die Wirtschaftsaktivität stark einschränken, verlängert werden. Zum anderen deuten die bisher verfügbaren Daten darauf hin, dass ihre realwirtschaftlichen Effekte deutlich stärker ausfallen als in der März-Prognose angenommen.

Zweitrundeneffekte könnten Erholung der Wirtschaft erschweren

Starke ökonomische Zweitrundeneffekte, wie Entlassungen und Firmenkonkurse in grosser Anzahl, könnten die eine Erholung der Wirtschaft erschweren. Je länger der Shutdown im Inland anhält, desto wahrscheinlicher wird, dass Zweitrundeneffekte eintreten. Davon gingen weitere grosse Risiken aus, beispielsweise wäre dann die Finanzstabilität bedroht.

Seco rechnete noch im März mit einem BIP-Rückgang von 1.5%

In ihrer März-Prognose erwartete die Expertengruppe des Bundes, dass die Weltwirtschaft und die Schweizer Wirtschaft im ersten Halbjahr 2020 in eine Rezession geraten. Die gesamtwirtschaftlichen Produktionsausfälle während der Wochen des Shutdowns im Inland wurden auf gut 10% der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung beziffert. Es wurde angenommen, dass der Shutdown Ende April weitgehend aufgehoben würde. Unter diesen Voraussetzungen dürfte das BIP 2020 um 1.5% zurückgehen, die Arbeitslosigkeit auf 2.8% ansteigen. Dabei wurde unterstellt, dass ökonomische Zweitrundeneffekte ausbleiben und dass sich die Wirtschaft schnell von den einschränkenden Massnahmen erholt.

Trotz gewisser Aufholeffekte wird das BIP-Niveau, das noch im Dezember 2019 prognostiziert wurde, im Prognosehorizont nicht erreicht. Bis Ende 2021 entsteht, im Vergleich zur Prognose von Dezember 2019, ein BIP-Verlust von insgesamt über 30 Milliarden Franken (nominal).

Seco entwirft neu zwei Negativszenarien

In einer «V-Rezession» hält der Shutdown im In- und Ausland länger an und hat stärkere realwirtschaftliche Effekte als in der vormaligen Prognose der Expertengruppe unterstellt. Im Inland wird der Shutdown etwa Ende Mai vollständig aufgehoben. Die Produktionsverluste während der Zeit des Shutdowns liegen bei rund 25% der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung; insbesondere sind die Industrie aufgrund verschärfter Liefer- und Absatzprobleme sowie die unternehmensnahen Dienstleistungen, aber auch der Handel und die Bauwirtschaft stärker betroffen als in der März-Prognose der Expertengruppe unterstellt. Der Einbruch des BIP in der ersten Jahreshälfte ist entsprechend massiv und betrifft alle Nachfragekomponenten.

V-Rezession: Die Wirtschaftsleistung geht 2020 um mindestens 7% zurück

Unter diesen Annahmen resultiert für das Gesamtjahr 2020 ein BIP-Rückgang in einer Grössenordnung von 7%. Die Arbeitslosigkeit steigt auf rund 4%, es finden mehr Insolvenzen statt. Auch aufgrund der wirtschaftspolitischen Massnahmen, namentlich der flächendeckenden Kurzarbeit, des Erwerbsersatzes und der Liquiditätsversorgung der Unternehmen, bleiben Zweitrundeneffekte wie Massenentlassungen, Firmenbankrotte oder Kreditausfälle in grosser Anzahl aber aus. Die gestiegene Verschuldung der Unternehmen dürfte aber einen deutlichen negativen Effekt auf die künftige Investitions- und Innovationsfähigkeit haben.

Prognostizierter BIP-Verlust beträgt bei V-Resszion rund 90 Milliarden

Im zweiten Halbjahr 2020 setzt eine zügige Konjunkturerholung ein (V-Rezession). Für 2021 ergibt sich dadurch ein Wachstum in einer Grössenordnung von +8%. Relativ zur Dezember-Prognose liegt der BIP-Verlust bis Ende 2021 trotzdem bei rund 90 Milliarden Franken (nominal). Die negativen Effekte auf das Produktionspotenzial sind mittelfristig etwas stärker als in der März-Prognose.

Liegen die Wertschöpfungsverluste bei 30%, könnte BIP-Wachstum -8% betragen

Noch stärker wären die wirtschaftlichen Verluste, wenn sich der Shutdown im Inland stärker auf die Wertschöpfung auswirken sollte als unterstellt. Wenn sich etwa die Wertschöpfungsverluste während des Shutdowns bei 30% statt bei 25% bewegen, wäre im Jahresdurchschnitt 2020 nur noch mit einem BIP-Wachstum von rund –8% zu rechnen.

L-Rezession: BIP könnte 2020 um 10% einbrechen, BIP-Verlust auf 170 Milliarden steigen

Je länger der Shutdown im Inland und bei wichtigen Handelspartnern anhält, desto wahrscheinlicher wird es, dass ökonomische Zweitrundeneffekte wie Entlassungs- und Insolvenzwellen eintreten. Dies illustriert das Negativszenario 2.

Im Ausland wie im Inland fällt der Einbruch der Wirtschaft im ersten Halbjahr 2020 ähnlich aus wie in Negativszenario 1, hinzu kommt aber eine nur schwache Erholung (L-Rezession). Der Shutdown im Inland wird ab Juni nur allmählich gelockert, um einen erneuten Ausbruch des Virus zu verhindern. Damit ist bei verschiedenen Dienstleistungsbranchen sehr eingeschränkt mit einer Erholung zu rechnen. Das BIP geht 2020 in einer Grössenordnung von -10% zurück. Es kommt zu Zweitrundeneffekten: Entlassungswellen, Firmenbankrotte oder Kreditausfälle häufen sich. Deswegen steigt die Produktion erst im Verlauf von 2021 wieder an, das BIP-Wachstum liegt 2021 nur bei ungefähr 3%.

Finanzkrise wird nicht unterstellt – Risiken auf dem Immobilienmarkt steigen aber

Eine Finanzkrise, bei der Finanzierungsprobleme bei grossen Banken und ein Einfrieren des Kapitalmarktes zu erwarten wären, wird in diesem Szenario nicht unterstellt. Die Finanzstabilität ist aber zunehmend gefährdet und es entstehen weitere grosse Risiken, beispielsweise auf dem Immobilienmarkt.

Konsum ist von der Corona-Krise besonders betroffen

Nachfrageseitig ist der Konsum angesichts der verlängerten Massnahmen und der viel stärker steigenden Arbeitslosigkeit (2020: 4.5%, 2021: 6%) besonders betroffen; nach einem massiven Einbruch 2020 ist 2021 nur mit einer zögerlichen Erholung zu rechnen. Im Verlauf könnte es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von bis gegen 7% kommen. Die Möglichkeit zur Kurzarbeit dürfte einen noch deutlich stärkeren Anstieg verhindern. Die Ausrüstungsinvestitionen sinken aufgrund von zunehmenden Insolvenzen und der langsamen Erholung über beide Jahre.

Export/Import brechen ein

Auch bei den Exporten folgt auf den Einbruch nur eine langsame Erholung. Viele Unternehmen sind darüber hinaus auch mit einem weitgehenden Wegfall der importierten Vorleistungen konfrontiert.

Es entstehen sehr grosse, permanente Wohlstandsverluste

Die Innovations- und Investitionsfähigkeit der Unternehmen ist stark getroffen. Das Produktionspotenzial dürfte in diesem Szenario daher mittelfristig und möglicherweise auch langfristig deutlich tiefer zu liegen kommen als in der März-Prognose. Es entstehen sehr grosse permanente Wohlstandsverluste. Gegenüber der Dezember-Prognose beläuft sich der BIP-Verlust (nominal) auf rund 170 Milliarden Franken.

Share With:
Rate This Article

info@s-mediacomm.ch

No Comments

Leave A Comment