HomeWIRTSCHAFTArbeitslosenquote steigt wegen mangelnder Anstellungen, nicht nur Entlassungen

Arbeitslosenquote steigt wegen mangelnder Anstellungen, nicht nur Entlassungen

Arbeitslosenquote steigt wegen mangelnder Anstellungen, nicht nur Entlassungen

Kurzarbeit hat ein Einstellungsverbot zur Folge. Wenn die Wirtschaftskrise anhält, und die Teilarbeitslosigkeit dennoch in Entlassungswellen mündet, finden Jobsuchende kaum neue Arbeit, argumentiert Avenir Suisse.

Während des Lockdowns haben fast 200’000 Unternehmen in der Schweiz die Kurzarbeit für ihre Belegschaft beantragt – rund 20 Mal mehr als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Es wird geschätzt, dass mehr als ein Viertel der Beschäftigten entsprechende Entschädigungen erhalten haben (oder erhalten werden). Kurzarbeit ist daher zu einem Schlüsselinstrument in der Reaktion auf die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie geworden. Mit welchem Erfolg – und mit welchen Perspektiven? fragt Dr. Marco Salvi, Senior Fellow und Forschungsleiter Chancengesellschaft bei Avenir Suisse.

Matching von Arbeitsplatz und passenden Mitarbeitenden muss geschützt werden

Angesichts des abrupten Produktionsstopps sei es vorerst darum gegangen, einen Tsunami von Entlassungen zu vermeiden. Im Gegensatz zur Arbeitslosenversicherung ermögliche die Kurzarbeit die Aufrechterhaltung der Beziehung zwischen Unternehmen und Arbeitnehmenden. Das sei sinnvoll, sagt Salvi: Beide Parteien hätten jeweils viel darin investiert, den richtigen Arbeitsplatz und die passenden Mitarbeiterenden zu finden. Dieses Matching gelte es vorerst zu schützen. Dadurch bleibe zudem betriebsspezifisches Know-how erhalten.

Leistungsausweis der Kurzarbeit ist keineswegs makellos

Laut Salvi gibt es aber auch eine Kehrseite der Medaille, die momentan allzu schnell von der Politik – und sogar von Arbeitsmarktsexperten – abgetan wird. Der Leistungsausweis der Kurzarbeit sei keineswegs so makellos, wie man es meinen könne. So bleibe die wahrgenommene Überlegenheit im Vergleich zur «klassischen» Arbeitslosenversicherung umstritten.

Wer Kurzarbeitsentschädigung bezieht, darf keine neuen Mitarbeitenden anheuern

Eine inhärente Schwäche der Kurzarbeit werde in Covid-Zeiten besonders akut, mahnt Salvi: Für die zahlreichen Unternehmen, die Kurzarbeit bezögen, bestehe grundsätzlich ein Einstellungsverbot. Wer dennoch neue Mitarbeitenden anheuere, riskiere das Recht auf Entschädigungen für das gesamte Unternehmen zu verlieren. Zwar sei diese Bedingung notwendig, um Missbrauch zu verhindern.

Kurzarbeit macht das Leben der Jobsuchenden noch schwerer

Wenn die Wirtschaftskrise jedoch anhalte und die Teilarbeitslosigkeit dennoch in Entlassungswellen münde, mache die weitverbreite Kurzarbeit das Leben der Jobsuchenden noch schwerer: sie würden sich auf einem Arbeitsmarkt finden, der kaum offene Stellen anbiete. Dafür würden Firmen, die keine Kurzarbeit bezögen, und vom Anstellungsstopp nicht betroffen seien, die benötigten Mitarbeitenden nicht finden, weil diese von den bestehenden Betrieben «gehortet» würden.

Mangelnde Anstellungen tragen zum Anstieg der Arbeitslosenquote bei

Dass dies keine bloss potenzielle Gefahr darstelle, würden die neuesten Arbeitsmarktdaten suggerieren, fährt Salvi fort. Während im Mai die Zahl der Stellensuchenden nicht mehr so stark gestiegen sei, seien die Neueinstellungen weiterhin stark rückläufig. Es seien also zurzeit nicht so sehr die Entlassungen, die zum gegenwärtigen Anstieg der Arbeitslosenquote beitrügen, sondern die mangelnden Anstellungen.

Pandemie bleibt kein temporärer Schock

Der Bundesrat habe diese «Nebenwirkungen» der Kurzarbeit zu wenig berücksichtigt, als er die maximale Bezugsdauer von 12 auf 18 Monate verlängert habe, sagt Salvi. Die Entscheidung verrate auch ein gewisses Wunschdenken in Hinblick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie: Die Entscheidungsträger müssten sich wohl darauf einstellen, dass die Pandemie kein temporärer Schock bleibe. Dies bringe viel Mühsal, aber auch zahlreiche neue Opportunitäten für Unternehmen und Mitarbeitende zugleich. Sie müssten nur genutzt werden können.

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