HomeINVESTAnlageexperten warnen vor einer bevorstehenden Herabstufungswelle bei Investments

Anlageexperten warnen vor einer bevorstehenden Herabstufungswelle bei Investments

Anlageexperten warnen vor einer bevorstehenden Herabstufungswelle bei Investments

Die Kreditblase, welche sich seit längerem aufgebaut hat, ist geplatzt. Die erwarteten einjährigen Ausfallraten sind auf Höchstwerte angestiegen und liegen je nach Prognose höher als während der Finanzkrise. Besonders betroffen sind der Energie-, Retail- und Tourismussektor.

Die Covid-19 Pandemie sowie der Ölpreiseinbruch, in Kombination mit dem rezessiven Umfeld, haben die Kreditblase, welche sich seit längerem aufgebaut hat, zum Platzen gebracht, sagen Analysten des Bonitäts- und Kredit Research Instituts Independent Credit View (I-CV). Unternehmen, bei welchen in den letzten Jahren das Gewinnwachstum tiefer gewesen sei als das Schuldenwachstum, und die dieses vielfach nicht für produktive Investitionen, sondern für Aktienrückkäufe, Übernahmen oder andere Finanzspielereien eingesetzt hätten, würden über die kommenden Quartale schonungslos entblösst. Gerade im Bereich der mit ‘BBB’ eingestuften Unternehmen, welche mittlerweile über die Hälfte des gesamten Anleihenmarktes ausmachten, hätten sich die Kreditkennzahlen immer mehr von den erforderlichen Grenzwerten entfernt. Einen Puffer, um adverse Ereignisse abfedern zu können, gebe es nicht mehr. «Auf kurze Sicht mögen zwar die staatlichen Stützungsmassnahmen die fundamentalen Faktoren einmal mehr künstlich überdecken, doch mittelfristig ist angesichts der Umsatz- und Margenerosionen mit einer Risikoneubewertung zu rechnen», so die I-CV Analysten.

Euphorie an den Börsen ist unbegründet – sie sind von der Realwirtschaft entkoppelt

Dauer und Dimension der kommenden Rezession sowie die Spätfolgen der Wirtschaftsstimuli bleiben gemäss den Analysten ungewiss. Angesichts der geringen Visibilität hätten die Unternehmen ihre Jahresprognosen zurückgezogen. «Mit Blick auf die schwachen Wirtschaftsindikatoren, steigenden Insolvenzen und drohenden Downgrades im BBB-Segment erscheint uns die Euphorie an den Börsen unbegründet. Die Entkopplung von Kapitalmärkten und ökonomischen Fundamentaldaten, welche bereits in den vergangenen Jahren zu beobachten war, geht somit in die nächste Runde», warnen sie.

Umso wichtiger sei es, Bonitätsverschiebungen frühzeitig zu erkennen und im Anleihen-Portfolio sorgfältig die Spreu vom Weizen zu trennen. «Nur so ist gewährleistet, dass die sich bietenden Investitionsmöglichkeiten optimal genutzt und böse Überraschungen vermieden werden können», mahnen sie.

Covid-19 Pandemie erweist sich als Katalysator einer Korrektur an den Kreditmärkten

Die ersten Monate der globalen Covid-19 Pandemie haben laut den I-CV-Analysten Einblick in die Verwundbarkeit vermeintlich sicherer Anlagen gegeben. Die erwarteten einjährigen Ausfallsraten seien auf Höchstwerte angestiegen und würden im Basisszenario gar höher als während der Finanzkrise liegen (siehe Abbildung 1). Besonders betroffen sind gemäss den Analysten der Energie-, Retail- und Tourismussektor. Bekannte Unternehmen, welche unvorbereitet von der Krise überrascht worden seien, hätten Gläubigerschutz beantragen müssen (z.B. Erdgas- und Erdölproduzent Chesapeake Energy, der Autovermieter Hertz in Nordamerika oder der britische Betreiber von Einkaufszentren Intu). Der bisher spektakulärste Fall betreffe den deutschen Zahlungsabwickler Wirecard, wo sich für Kreditanalysten aber schon lange vor Ausbruch der Covid-19 Pandemie klare Anzeichen für die Notwendigkeit einer vertieften und skeptischen Prüfung im Sinne eines «view behind the rating» abgezeichnet hätten. Dieser Fall habe einmal mehr gezeigt, dass es nicht ausreiche, sich nur auf die wichtigsten Kreditkennzahlen oder die (un)abhängigen Einschätzungen der Ratingagenturen zu verlassen (das Moody Rating für Wirecard habe bis kurz vor der Insolvenz noch Investment Grade betragen).

Covid-19 Krise hat inhärente Schwächen der Geschäftsmodelle offen gelegt

Die Auswirkungen der Covid-19 Krise hätten die inhärenten Schwächen der Geschäftsmodelle in einzelnen zyklischen Sektoren schlagartig offengelegt, so die Analysten weiter. Dies habe sie (die Analysten) im Nachgang zu einem breit angelegten Liquiditätsstresstest zu Ratinganpassungen veranlasst (z.B. bei Carnival, Boeing, Macy’s oder MSC). Generell sei gut bedient gewesen, wer sich während Zeiten tiefer Risikoprämien aus wackeligen Emittenten zurückgezogen habe, um dann bei der schockartigen Ausweitung selektiv Opportunitäten wahrzunehmen.

Downgrade-Welle wird durch Massnahmen der Notenbanken aufgeschoben

Mit ihren Stimulus-Massnahmen würden die Notenbanken zwar eine Downgrade-Welle verzögern, verhindern könnten sie sie aber nicht. Weiteren Rating-Aktivismus seitens der Agenturen erwarten die I-CV-Analysten spätestens im Nachgang zu den 2Q20-Zahlen (August, September). Dabei schätzen sie das von einem Downgrade ins Non-Investment Grade gefährdete Schuldenvolumen (Fallen Angel Risiko) in den USA und in der EU auf insgesamt 450 Milliarden Euro. Da sich die Märkte aktuell noch in einer Schockstarre befinden würden, bestehe die Gefahr, dass Ratingrückstufungen oder Ausfälle einzelner prominenter Emittenten zu weiteren starken Marktverwerfungen führen könnten.

Selektive Namensauswahl bleibt Schlüssel zum Erfolg

Das aktuelle Marktumfeld biete neben Herausforderungen auch immer interessante Anlageopportunitäten, unterstreichen die Analysten. Die Volatilität bleibe jedoch hoch und die Visibilität über alle Risikoklassen und Sektoren hinweg gering. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Analysten den Kunden zwei Schutzmassnahmen:

  • Die jüngste Markterholung für eine Standortbestimmung des Schuldner-Portfolios zu nutzen (I-CV Risiko Check-up)
  • Emittenten selektiv auszuwählen und eng zu überwachen.

Denn nur ein tiefes Verständnis und ein aktives Auseinandersetzen mit den zugrundeliegenden Kreditrisiken helfe, die Spreu vom Weizen zu trennen und die richtigen Anlageentscheide zu treffen. Bei Investitionen in Kreditinstrumente gebe es per se keine schlechten Anlagen, sondern nur unzureichend kompensierte Risiken.

Independent Credit View bevorzugt Emittenten aus defensiven Sektoren

Die I-CV-Analysten bevorzugen Emittenten aus defensiven Sektoren (Telekom, Versorger, Pharma und Gesundheit), denn diese gehören ihrer Meinung nach zu den Gewinnern in unsicheren Zeiten. Spannend sei aber auch die Technologie-Branche, welche u.a. mit neuen Anwendungsmöglichkeiten auftrumpfen könne. Zur Vorsicht mahnen sie hingegen bei Schuldnern aus zyklischen Sektoren (wie beispielsweise Energie, Detailhandel, Automobil, Reisebranche, Geschäftsimmobilien).

Insgesamt liege der Fokus auf Emittenten mit geringer Abhängigkeit von Wirtschaftszyklen und tiefen Risiken bei den Lieferketten. Dabei empfehlen die Analysten etablierte Schuldner mit höherer Kreditqualität: 1. aufgrund der höheren Krisenresistenz und 2. der drohenden Fallen Angels bzw. Downgrade Welle.

Aus der Krise ergeben sich auch selektive Investitionsmöglichkeiten

Nichtsdestotrotz bieten laut den I-CV-Analysten auch BBB-Schuldner mit relativ krisenresistenten Geschäfts- und Finanzrisikoprofilen Anlagechancen. Selektive Investitionsmöglichkeiten würden sich aber auch bei zyklischen BBB-Namen ergeben (z.B. Holcim, Implenia, Schaeffler) oder bei BB-Schuldnern mit einem etablierten Geschäftsmodell (Cellnex, Sirius, Telekom Italia). Gerade die Risikoprämien im BB-Bereich hätten sich im Vergleich zum Investment Grade-Segment jüngst gar wieder ausgeweitet, was attraktive Renditemöglichkeiten bieten würde.

Chancen sehen die Analysten auch weiterhin bei Neuemissionen sowohl von etablierten Emittenten (Fraport, Leonardo, General Motors, Bayer etc.) als auch neuen Namen, wie dem Genfer Duftstoff- & Aromahersteller Firmenich.

Selektiver Ansatz ist bei der Titel-Auswahl zentral

Innerhalb der Kapitalstruktur böten Nachranganleihen von etablierten Investment Grade Schuldnern interessante Einstiegsmöglichkeiten, so die Analysten, auch im Hinblick auf ein länger anhaltendes Tiefzinsumfeld (z.B. KPN EUR Non-Call 2024, BPs kürzliche EUR-Nachranganleihen Non-Call 2026 & 2029). Auch hier gelte es aber die unternehmensspezifischen Risiken im Auge zu behalten, weshalb ein selektiver «bottom-up» Ansatz zentral für die Auswahl sei. Generell favorisieren die I-CV-Analysten Nachränge mit hohen Reset-Spreads und nicht kündbaren Laufzeiten zwischen 2023-25 von soliden Emittenten aus defensiven Sektoren (Telekom, Versorger).

Über I-CV

Die Independent Credit View AG (I-CV) wurde 2003 als erstes unabhängiges Bonitäts- und Kredit Research Institut der Schweiz gegründet. Als anerkannte Spezialisten analysieren, beurteilen und überwachen sie für namhafte institutionelle Anleger auf Mandatsbasis laufend die Kreditqualität von rund 800 nationalen und internationalen Kapitalmarktschuldnern, Privatplatzierungen und Darlehen.

Share With:
Rate This Article

info@s-mediacomm.ch

No Comments

Leave A Comment